Dienstag, März 09, 2010

Survival of the Stickiest ?

Dem Marketing bietet das Internet immer neue Strategien. Hotmail, Skype, XING und Bionade gelten als Beispiele für erfolgreiches Virales Marketing. Die Suche nach Rezepten für die Konzeption immer effizienterer Marketingviren hat begonnen. Der Konkurrenzkampf ums Dasein wird umgerechnet in Marktanteile. Gekämpft wird um die Aufmerksamkeit der beworbenen Massen, um eine Zuwendung des Verbrauchers zum Produkt die mit der simplen Aufzählung von Features nicht mehr zu erreichen ist.

Für Franz Liebl, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Witten, ist der Aufmerksamkeitsgrad der User zur meistumkämpften Ressource der Internet-Ökonomie geworden. Ziel des Marketing im 21. Jahrhundert werde es sein, die Aufmerksamkeit der Konsumenten mit allen Mitteln zu binden, bzw. sie regelrecht zu 'infizieren'. Marketing-Experten zeigen sich zunehmend ambitioniert in Punkto "Memetic Engineering". So bezeichnet die Memetik den Versuch, bewusst Meme herzustellen, die das Verhalten Anderer beeinflussen.

Da aber das theoretische Rüstzeug vieler eher auf Hollywood-Filmen wie Jurassic Park als auf Fachlektüre basiert, kommt es leicht zu Fehlschlüssen. Die populäre Daumenregel 'Survival of the Fittest' zum Beispiel stammt nicht von Darwin selbst und wurde von ihm auch nicht verwendet. Sie gilt zwar als im Prinzip anwendbar, doch nicht ohne fundamentierte Kenntnis von Dutzenden von Fußnoten. Die moderne Evolutionsbiologie hat den Satz jahrzehntelang auf Redundanz und Tautologie abgeklopft und gegen Fehlzünder wie Sozialdarwinismus mathematisch imprägniert. Mittlerweile geht sie bewusst sparsam damit um, zumal sie präzisere Gleichnisse zur Hand hat.

Die Memetik postuliert, dass sich der relative Erfolg von Ideen (leider) nicht an ihrem Sinngehalt oder Nutzen für die Allgemeinheit misst, und dass Ideen sich nicht zwingend dank ihres Wahrheitsgehaltes verbreiten, sondern gemäss ihres Potentials in Punkto "leichte Kopierbarkeit" und "Hartnäckigkeit". Für die Werbung sind solche Einsichten natürlich interessant, scheint sich hier doch eine naturwissenschaftliche Definition von "sticky" herauszukristallisieren.

Aber die Gefahr besteht durchaus, dass durch die Suche nach Anregung und Bestätigung aus biologischen Gefilden ein neuer Zynismus ensteht. Die Bildzeitung war schon immer viraler Vorreiter. Sie wusste schon immer am besten, Unsinn der Marke "extra-sticky" zu fabrizieren. Wird sie eines Tages zur Vorbildzeitung  Eins scheint sicher: Das Mem "Virales Marketing" seinerselbst scheint alles zu haben, was man als Mem heutzutage zur epidemischen Verbreitung braucht.

Zurück zu Teil 1